Esterwegen 12 mei Martina Bötig

Dag allemaal,

bij deze een bedankje van het Bondsdaglid voor de Grünen Martina Bötig, degene die het ontroerende verhaal over haar grootvader in Solingen vertelde. Hieronder de Duitse tekst van die toespraak.


 

Mein Großvater, ein Moorsoldat

Zunächst danke ich der „Deutsch-Niederländischen Initiative 8. Mai“ sehr herzlich für die Einladung zu dieser Veranstaltung. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich hier an diesem besonderen Ort über meinen Großvater, Albert Müller, einen Moorsoldaten, berichten darf.
Ich habe zu meinem Großvater ein sehr enges Verhältnis, und das, obwohl er 6 Jahre vor meiner Geburt gestorben ist. Da stellt sich eigentlich jedem die Frage: Wie kann das sein?
Aber er ist mir tatsächlich so nah, als hätte ich ihn selbst gekannt, denn schon von Kindesbeinen an höre ich durch meine Mutter und meine Großmutter Geschichten über ihn.
Meine Großeltern waren Nachbarskinder, die nach der Rückkehr meines Großvaters aus dem Ersten Weltkrieg, wo er als Unteroffizier diente, 1918 geheiratet haben.
Der Krieg hatte ihn sowohl psychisch als auch politisch stark geprägt, so dass er sich nach seiner Heimkehr den Kommunisten anschloss.
Im Oktober 1919 kommt Sohn Rudolf zur Welt und 1928 Tochter Hannelore, meine Mutter.
Die Freude über sein zweites Kind wird überschattet von den am Horizont aufziehenden politischen Zeichen. Die braunen Horden sind auf dem Vormarsch, der Großvater und seine Parteifreunde wie auch andere Oppositionelle mahnen eindringlich, finden aber bei den meisten kein Gehör.
1933, unmittelbar nach der so genannten „Machtergreifung“ der Nazis, wird mein Großvater verhaftet. Von da an folgt eine Inhaftierung nach der anderen, eine Odyssee durch KZs und Gestapogefängnisse des Deutschen Reichs. Die Großmutter steht allein da mit ihren zwei Kindern, lebt auf zwei kleinen, ärmlichen Dachzimmern von der Hand in den Mund. In dieser Hand ist nicht viel, gerade das, was sie durch Putzen und ein paar Reichsmark Sozialhilfe bekommt.
Auch hier, im KZ Börgermoor wird mein Großvater interniert und so zum Moorsoldaten. Er arbeitet u.a. in der Lagerküche und lernt dort seinen Mithäftling Wolfgang Langhoff kennen, der im Schweizer Exil 1935 das Buch „Die Moorsoldaten“ schreiben und 1945 Generalintendant am Düsseldorfer Schauspielhaus wird.

Eine Erstausgabe mit persönlicher Widmung des Autors für seinen Lagerkameraden ist eines der wenigen Dinge, die mir vom Großvater geblieben sind
Auch das KZ Sachsenhausen und die berüchtigte Kemna in Wuppertal lernt der Großvater von innen kennen.
Für kurze Zeit kommt Albert Müller immer wieder frei, misshandelt, geschunden an Körper und Seele, so sehr, dass meine Mutter ihren Papa nur noch an dem bei ihm stark ausgeprägten Kehlkopf erkennt. Der Großvater muss furchtbar geweint haben.
Um seine physischen Verwundungen und Krankheiten kümmert sich ein alter jüdischer Arzt, der noch praktizieren darf und den Großvater aus alter Verbundenheit kostenlos behandelt. Es wäre ohnehin kein Geld da gewesen, ihn zu bezahlen.
Albert Müller leidet durch das häufige Liegen auf den nackten Steinböden seiner Gefängniszellen unter anderem an schweren Nierenproblemen, die ihm starke Schmerzen verursachen. Er schläft tagelang ununterbrochen, um wieder halbwegs auf die Beine zu kommen – im oft eiseskalten Schlafzimmer, denn fürs Heizen ist ebenfalls kein Geld da.
In heimlichen Treffen mit seinen Parteifreunden und anderen Widerständlern erzählt Albert Müller von seinen schrecklichen Erfahrungen. Diese Menschen werden solche Berichte nicht für sich behalten haben. Die Folterfabriken der Nazis lagen auch nicht alle in abgelegenen Einöden, sondern oft an Rändern von Städten, wo die Nachbarn über Zäune das grauenhafte Geschehen beobachten konnten.
Die Wachmannschaften hatten Familien, denen sie über ihre Arbeit erzählt haben werden. Die Lager wurden von Händlern aus dem Umland beliefert, die ihre Waren sicher nicht vor den Toren abgestellt haben.
Die Deportationen mit allen sie begleitenden Schikanen fanden direkt vor den Augen der Nachbarn statt. Wehrmachtsoldaten und SS-Leute haben sich in hoher Zahl an den Erschießungen tausender Juden seit Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion beteiligt.
Und alle diese Leute sollen geschwiegen haben?
Sätze wie „Davon wussten wir nichts!“ machen mich vor diesem Hintergrund immer wieder fassungslos und wütend. Alle haben gewusst: Wer den Mund an der falschen Stelle oder dem falschen Ort aufmacht „kommt weg“, wie das damals hieß, und kommt auch meistens nie wieder.
„Viele wussten genug, um nicht noch mehr wissen zu wollen.“ wie es der Historiker Götz Aly ausdrückt.
Nicht aktiv Widerstand geleistet zu haben, kann man niemand zum Vorwurf machen, aber das Wissen noch heute strikt zu leugnen, ist eine erneute Verhöhnung der Opfer.

November 1944, zwei Bombenangriffe erschüttern Solingen. Kurz vorher meinte der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, verkünden zu müssen, dass die „Waffenschmiede an der Wupper“ noch stehe. Das hatten vermutlich auch die Alliierten bemerkt und verwüsteten bei zwei Großangriffen einige Tage später meine Heimatstadt.
Der Großvater ist wieder einmal in Haft, Sohn Rudolf als Soldat im Krieg und die Großmutter mit Tochter Hannelore allein zu Hause, als es losgeht. Der Einlass in den nahe gelegenen Bunker wird Mutter und Tochter verwehrt, denn das Kommunistenpack soll ruhig im Bombenhagel verrecken. Also bleibt nur der Weg in den Keller. Das Haus in der Potsdamer Straße wird bei den Angriffen stark beschädigt, steht aber noch. Nur der Dachstuhl und die darunter liegende Wohnung der Großeltern sind durch Löschwasser unbewohnbar geworden, so dass Großmutter und Mutter zu Verwandten ziehen müssen.
1945, der Krieg ist zu Ende. Das Dritte Reich existiert nicht mehr. Die Deutschen stehen vor den Trümmern ihrer Heimat und dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Aber der Terror ist vorbei.
Auch Albert Müller muss jetzt keine Angst mehr vor Verfolgung haben. Aber er ist körperlich am Ende, gezeichnet von Misshandlungen und dem ständigen Hunger während der letzten zwölf Jahre.
Sohn Rudolf ist körperlich unverwundet aus dem Krieg zurückgekehrt. Um seine Seele steht es aber nicht zum Besten. Ich kenne meinen Onkel nur in sich gekehrt, zu Depressionen und Zynismus neigend. Er hat nach dem Krieg überstürzt geheiratet, hat beruflich nie richtig Tritt gefasst und war seinem einzigen Sohn sicher ein schwieriger Vater.
Mein Großvater versucht nun, mit seiner Familie wieder in einen halbwegs normalen Alltag zu finden, was sicher nicht einfach war, denn die Armut ist weiterhin ein stetiger Begleiter, auch wenn er durch seinen typischen Solinger Beruf Rasiermesserschleifer immer wieder mal eine Beschäftigung findet.
1946 poltern wieder Stiefel auf der Treppe. Mein Großvater wird wieder abgeholt, doch diesmal von den englischen Alliierten, die ihn auf die Motorhaube ihres Jeeps setzen und der erstaunten Solinger Bevölkerung über Lautsprecher mitteilen, dass hier ihr neuer Oberbürgermeister vorbeifährt.
Albert Müller, erster und dazu noch kommunistischer Oberbürgermeister von Solingen nach dem Krieg, ist im Amt! Ein einfacher Arbeiter, der sich in seiner wenigen Freizeit mit besessenem Lesen weitergebildet hat.

Obwohl die meisten von den Nazis die Nase voll haben, ist nicht jeder begeistert. Dennoch wird er sich in den zehn Monaten, bis zur ordentlichen Wahl eines Nachfolgers, die Achtung auch seiner politischen Gegner erwerben.
Mein Großvater überlebt den Krieg nur um sechs Jahre, stirbt im Januar 1951 mit nur 59 Jahren an einer durch mannigfache Misshandlungen erlittenen Herzschwäche, sechs Wochen vor der Hochzeit meiner Eltern.
Dass ich diesen Menschen, den ich nie kennen gelernt habe, liebe und verehre, liegt wie erwähnt an den vielen Geschichten über ihn, die in der Familie kursierten. Es gab nur wenige Tage, in denen der Großvater keine Erwähnung fand.
Er wurde in gewisser Weise dadurch für mich eine moralische Instanz, die mein Leben begleitet hat, und so einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte, wie sich dieses Leben entwickelte. Und er vererbte mir den Virus Politik.
Seit vielen Jahren engagiere ich mich bei Bündnis 90/Die Grünen u.a. dafür, den alten und neuen Rechten beherzt entgegenzutreten, denn der Schoß ist fruchtbar noch, wie wir zurzeit wieder täglich erfahren müssen.
Ich bin meiner Mutter für sehr vieles dankbar, besonders aber dafür, dass sie mir schon in jungen Jahren Bücher über die Nazizeit und die Konzentrationslager zu lesen gegeben hat, darunter natürlich auch das Buch „Die Moorsoldaten“.
Sie hat mich ermuntert, Filme über die Nazigräuel im Fernsehen anzuschauen. Alles nach dem Motto: Das kann wieder passieren, wenn wir nicht auf der Hut sind und den Ewiggestrigen mit Haltung entgegentreten. Aber sie hat mich auch zu Toleranz erzogen, andere Meinungen auszuhalten.
Nie hat mir mein Großvater so gefehlt wie zurzeit. Wie gern würde ich mich mit ihm austauschen, was man gegen die wieder anbrandende braune Flut, gegen Populisten wie Trump, Erdogan, Orban, Le Pen und Konsorten tun kann.
Mich selbst frage ich seit vielen Jahren, ob ich auch den Mut zum Widerstand gehabt hätte. Hierauf habe ich bis heute keine Antwort gefunden. Mein ganzer Respekt gilt aber den Menschen, die sich das getraut haben, wohl wissend, welches enorme Risiko sie für sich und ihre Lieben eingegangen sind. Man kann diesen Menschen gar nicht genug Achtung zollen. Und einer davon war mein lieber Großvater, Albert Müller.
Der Mut der Widerständler sollte und muss uns allen Ansporn sein, dem wieder salonfähig gewordenen Nationalismus, dem Rassismus, der Hetze und der Ausgrenzung beherzt entgegenzutreten.
Ich zitiere an dieser Stelle Sigmar Gabriel, der kürzlich in einem Interview gesagt hat: „Kein Fehler, den Politiker und Parteien machen, ist so groß, als dass er es jemals rechtfertigen würde, Nazis zu wählen.“

Dennoch haben viele es getan. Erstmals seit 1945 sitzen wieder Nazis – und nichts anderes sind viele Vertreter der AfD – wieder im Deutschen Parlament, der Herzkammer unserer Demokratie. Neuparlamentarier. die sich als Biedermänner geben, aber in Wahrheit Brandstifter und Brunnenvergifter sind.
Wir alle sind aufgefordert, unsere Wohlfühloasen, in denen wir uns in den vergangenen friedlichen Zeiten eingerichtet haben, zu verlassen und diese Brände zu verhindern und die Demokratie zu retten, für die unzählige Menschen damals einen sehr hohen Preis bezahlt haben. Das sind wir ihnen einfach schuldig, damit so etwas nie wieder passiert. Nicht hier und nirgendwo sonst auf der Welt.
Nur darauf hoffen, dass das schon wieder vorbeigeht, hat schon einmal in die Katastrophe geführt, denn wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.
An dieser Stelle möchte ich den evangelische Theologen und Widerständler Martin Niemöller sprechen lassen: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.

© Martina Bötig, Wesseling, im Mai 2018